Der Megatrend der Oldtimerszene

Eine besondere Bedeutung bei der Reparatur und Restauration von Oldtimern kommt der Charta von Turin zu. Diese Charta der FIVA versteht sich nicht als Regelwerk sondern als Leitlinie.


Klassische Fahrzeuge erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Das zeigen u. a. die Angebote auf den entsprechenden Webportalen und auch die immer häufiger weltweit stattfindenden Oldtimermessen. Die Preise steigen für sehr seltene Fahrzeuge ins Unermessliche. Ein weiterer Grund ist in Zeiten niedrigen Zinsen und schwankender Kapitalmärkte der Oldtimer als langfristige Geldanlage. Die Anschaffung ist relativ gefahrlos, denn bei guter Pflege und Wartung und einer artgerechten Garagenhaltung wird der Oldtimer selten an Wert verlieren sondern eher im Wert steigen.

Jeder Oldtimerbesitzer hat seine ureigene Vorstellung zu seinem Fahrzeug. Die Ansichten der Besitzer sind extrem unterschiedlich. Der Lackierer muss versuchen diese Gedankenwelt zu erschließen. Nicht immer einfach, aber falls der Lackschaden beseitigt werden soll, entscheidet sich die fachliche Frage immer am Auto und am allerbesten in enger Absprache mit dem Fahrzeugbesitzer. Eine besondere Bedeutung kommt der 2012 von der FIVA verabschiedeten Charta von Turin zu. Sie ist als Leitlinie zu verstehen, aber nicht als verbindliches Regelwerk. Die deutsche Übersetzung steht u.a. auf der Website des ADAC https://www.adac.de/_mmm/pdf/FIVA_Charta_von_Turin_161747.pdf

Die Charta ist vielen Lackierern, aber auch vielen Autobesitzern nicht bekannt. Daher befassen wir uns gleich in der Premierenausgabe von FML Classic damit. Jeder mag seine eigene Meinung zu seinem Auto haben und entscheidet selbst, wie er damit umgeht – und eben der TÜV, falls das Auto auf öffentlichen Straßen fahren soll. Die Charta unterstützt allerdings klar den Trend zu Originalität und Authentizität und ist in dieser Eigenschaft ein tatsächlich wichtiges Element der globalen Oldtimerszene.

Die einzelnen Kapitel der Charta werden hier folgend knapp kommentiert.

1. Ziel
Erhaltung der Fahrzeuggeschichte gemeinsam mit dem zugehörigen Design und der entsprechenden Technik und Funktion. Einbeziehung aller verfügbaren wissenschaftlichen und technischen Kenntnisse und die in diesem Bereich tätigen Einrichtungen (z. B. auf Oldtimer spezialisierte Lackierbetriebe).

2. Zukunft
Alle Arbeitsprozesse (Erhaltung, Restaurierung etc.) dienen der Bewahrung historischer Fahrzeuge. Wichtig: Weitergabe aller Kenntnisse und Fähigkeiten an spätere Generationen.

3. Pflege
Hinweis auf dauerhafte und nachhaltige Pflege sowie eine aktive Nutzung.

4. Standpunkt
Die Möglichkeit ihrer Nutzung ist wichtig und wünschenswert. Im Zusammenhang mit einer Nutzung nur unbedingt notwendige Veränderungen. Möglichst keine Beeinträchtigung der historischen Substanz sowie der zeitgenössischen Technik und Erscheinung durch unvermeidbare Modifikationen.

5. Verfahren
Dieser Artikel geht auf den Umfang von zur Bewahrung notwendigen Eingriffen ein. In dem Artikel wird unterschieden nach: Erhaltung, Konservierung, Restaurierung und Reparatur. Erhalt, Konservierung und Restaurierung sind spezialisierte Prozesse. Ihr Ziel ist es, den technischen, ästhetischen, funktionalen, sozialen und historischen Wert eines Fahrzeuges zu erhalten und aufzuzeigen.
Erhaltung und Konservierung sind Maßnahmen zur Bestandssicherung, keine Modifikationen erforderlich.
Restaurierung und Reparatur sind im Zusammenhang mit Artikel 6 „Geschichte“ und vor allem mit Artikel 7 „Genauigkeit“ zu sehen.
Bezogen auf den Lackaufbau ist zu ermitteln was noch möglich ist. Welche „historischen Lacke“ sind noch erhältlich (Recherche notwendig) und unter gesetzgeberischen Vorgaben (REACH / ECHA, Verbot von Blei-und Zinkchromat ab 2017) einsetzbar und wer kann und will diese Produkte eigentlich noch verarbeiten.
Ist für die Beeinflussung des Fahrzeugwertes durch „Nicht-Original-Materialien“ der Gesamtaufbau oder nur der Decklack oder der optische Eindruck relevant ? Die Charta lässt unvermeidbare Modifikation zu, aber wie sieht das der Markt bzw. welches Segment des Marktes?

6. Geschichte
Veränderungen, aus der normalen Gebrauchszeit, eines historischen Fahrzeuges gegenüber dem Auslieferungszustand sind Zeugnisse der Fahrzeuggeschichte. Diese sollten daher erhalten bleiben. Die Restaurierung eines historischen Objektes erfordert aber nicht, sein Aussehen und seine technischen Merkmale ins Erscheinungsbild des ursprünglichen Baujahres zurückzuversetzen.
Bauteile und Materialien, welche durch neue ersetzt wurden, sollten durch einfache und dauerhafte Markierungen leicht erkennbar gemacht und von der historischen Substanz unterschieden werden.
Siehe 5. „Verfahren“

7. Genauigkeit
Bei der Restaurierung historischer Fahrzeuge sollten bevorzugt die historisch korrekten Materialien und Arbeitstechniken benutzt werden, es sei denn, diese können aus Gründen der Sicherheit, der Gesetzgebung oder der Verfügbarkeit nicht länger verwendet werden.
Bei der Konservierung der historischen Substanz können wie bei der Restaurierung dann solche modernen Ersatzmaterialien und Techniken herangezogen werden, deren Eignung und langfristige Beständigkeit wissenschaftlich nachgewiesen oder durch praktische Erfahrung erprobt sind.
Siehe 5. „Verfahren“

8. Erscheinungsbild
Alle Veränderungen sollen sich unauffällig in die originale Struktur einfügen und reversibel sein. Alle ausgebauten Originalteile sollen als Referenz aufbewahrt werden.

9. Planung
Genaue Planung der Arbeiten an historischen Fahrzeugen und deren Dokumentation.

10. Archivierung
Für Aufzeichnungen aller Tätigkeiten im Zusammenhang mit historischen Fahrzeugen sollte eine sichere und langfristige Aufbewahrung gewährleistet sein.

FML Classic geht in einer der späteren Ausgaben detaillierter auf wichtige Lackaspekte ein.