Worauf es im Winter ankommt
Wenn die Temperaturen zur kalten Jahreszeit fallen, steigen zeitgleich die Herausforderungen für Kfz-Lackierbetriebe. Kälte, schwankende Luftfeuchtigkeit sowie hohe Energie- und Heizkosten sind zentrale Faktoren im Winter, die einen direkten Einfluss auf die Werkstattprozesse haben.
Um trotz eisiger Witterung eine gleichbleibend hohe Lackierqualität erzielen zu können, bedarf es Fachwissen und einer richtigen Vorbereitung. Wie Betriebe typische Fehlerquellen im Winter vermeiden sowie Abläufe effizient und prozesssicher gestalten können, erfahren Sie in diesem Expertenbeitrag von René Förster, Referent Fahrzeuglackierung BFL
Sicherer Transport und Lagerung ausschlaggebend
Die Herausforderungen beginnen bereits mit der Anlieferung des Lackmaterials. Setzt ein Betrieb dabei auf Nachtexpress, Spedition oder Lieferdienst, lohnt es sich genauer hinzuschauen. Denn beim Transport der Lacke und wasserbasierten Materialien sollte auf isolierte Transportboxen bzw. klimatisierte Laderäume geachtet werden. Im eigenen Betrieb angekommen, sollte das Lackmaterial jederzeit gut temperiert sein – auch nachts. Dass gerade in der kühleren Jahreszeit Türen und Werkstatttore geschlossen bleiben sollten, versteht sich von selbst. Doch blickt man in den ein oder anderen Mischraum, besteht dort durchaus die Gefahr eines rapiden Temperaturabfalls über Nacht. Eine Lagerung der Gebinde auf dem kalten Werkstattboden sollten Betriebe vermeiden, da die Temperaturen über Nacht – gerade im Bodenbereich – schnell in einen kritischen Bereich sinken können. Hier kann ein einfaches digitales Thermometer mit Anzeige der Tiefst- und Höchsttemperatur im Raum Klarheit schaffen. Temperaturwächter und zusätzliche Heizmodule für Mischbänke oder automatische Mischanlagen könnten ebenfalls sinnvoll sein. Sollten die Lagertemperaturen dennoch kurzfristig in den einstelligen Bereich fallen, muss das Lackmaterial vor der Verarbeitung zwingend wieder auf „Normaltemperatur“ gebracht werden.
Richtige Vorbereitung von Fahrzeug und Messgerät
Im Winter ist eine gründliche Fahrzeugreinigung ein essenzieller Schritt im Lackierprozess. Schnee, Salz- und Schmutzrückstände sollten zuerst mit frischem Wasser gelöst und anschließend mit konventionellem sowie wässrigem Silikonentferner beseitigt werden. Nur so können Salzreste auf der Oberfläche sicher vermieden werden, die sonst Feuchtigkeit anziehen und später zu Blasenbildung in Grund- sowie Decklackschichten führen.
Außerdem müssen zu lackierende Fahrzeuge einige Stunden vor der Lackierung, möglichst aber über Nacht, in der Werkstatt auf Raumtemperatur gebracht werden. Geschieht das nicht, so kann es auf der Fahrzeugaußenhaut zur Kondensatbildung kommen, welche im späteren Beschichtungsprozess zu typischen Störungen der Lackoberfläche führt. Des Weiteren droht ein möglicher Haftungsverlust innerhalb der Lackschichten.
Auch im häufig aufwändigen Farbtonfindungsprozess mit modernem Spektralfotometer ist die Oberflächentemperatur des Fahrzeugs oder Objektes entscheidend. Wird es erst kurz vor der Messung in die warme Werkstatt gebracht, kann sich, wie bereits erwähnt, schnell Kondensat auf der Außenhaut bilden und das Messergebnis verfälschen. Neben Feuchtigkeit auf der Oberfläche kann die Messgenauigkeit und das Ergebnis ebenfalls deutlich durch „Beschlagen“ der Linse oder der Kamera – bei Lagerung in unterschiedlichen Temperaturbereichen – beeinträchtigt werden. Es gilt: Der Prozess der Farbtonfindung kann nur unter optimalen Bedingungen durchgeführt werden.
Lackierkabine: Wärme effizient nutzen
Das Aufheizen der Kabine auf die notwendige Lackiertemperatur zählt im Winter zu einem der größten Kostenfaktoren. Einige Anlagen verfügen über eine automatische Wärmerückgewinnung. Bei anderen Lackieranlagen, in denen spezielle Winterregister zur Verbesserung der Energieeffizienz eingesetzt werden, muss die Umstellung händisch und rechtzeitig erfolgen. Diese sollten vor dem Einbau auf Sauberkeit und eventuelle Beschädigungen geprüft werden. Es empfiehlt sich ein fester Erinnerungstermin im Werkstattkalender.
Ebenso wichtig ist die Kontrolle der eingestellten Trocknungstemperatur: Gerade bei größeren Fahrzeugen oder höheren Materialstärken wird die angestrebte Objekttemperatur oft zu spät oder gar nicht erreicht. Dies kann eine ungleichmäßig getrocknete Lackierung zur Folge haben. Ein hervorragendes Hilfsmittel sind Infrarot-Handthermometer, die die Temperaturentwicklung während des Trocknungsprozesses kontinuierlich anzeigen.
Druckluftqualität beeinflusst Ergebnis
Auch das Druckluftnetz – einschließlich dem Kältetrockner, den Filtern sowie Wasser- und Öl-Abscheidern – muss im Winter einwandfrei funktionieren. Wird die erzeugte Druckluft über ein Leitungssystem auf dem Weg zur Entnahmestelle erst durch teils kühlere Räumlichkeiten und anschließend wieder in wärmere Werkstattbereiche geführt, kann dies zur Bildung von Kondensat in der Leitung oder zu einer zu niedrigen Temperatur der Spritzluft führen. Sich abzeichnende Störungen auf der Lackoberfläche können die Folge sein. Diese Problematik gilt es gerade bei der Nutzung von Multifunktionsarbeitsplätzen zu beachten.
Luftfeuchtigkeit: Klima stabil halten
Die Wintermonate bringen häufig eine niedrigere relative Luftfeuchte mit sich. Dies verstärkt mitunter das Overspray-Verhalten des zu applizierenden Lackmaterials und kann den Trocknungsprozess von Wasserbasislacken beeinflussen, da trockene Luft die Feuchtigkeit des Wasserbasislacks leichter aufnimmt. Umgekehrt verzögert eine geringe Luftfeuchte die Trocknung moderner, auf Polyaspartic-Technologie basierender Lackmaterialien. Diese Produkte benötigen für ihren Aushärtungsprozess die Kombination aus Luftfeuchtigkeit und Temperatur. Abhilfe schaffen hier beispielsweise Klimageräte mit Erwärmung und Befeuchtung der Spritzluft, die so für konstante Bedingungen während des Lackierprozesses in der Kabine sorgen.
Richtige Einstellung und Verarbeitung des Lackmaterials beachten
Für die optimale Verarbeitung ihrer Materialien empfehlen die Lackhersteller meist eine Lackiertemperatur von 20°C bis 23 °C. Wird dieser Bereich unterschritten, kann sich das erheblich auf die Viskosität und Verarbeitungsqualität der Lackmaterialien auswirken. Mögliche Folgen: höhere Schichtdicken, Oberflächenstörungen oder Lackläufer, die in der Regel teure Nacharbeiten nach sich ziehen.
Ein im Winter besonders kritischer Anwendungsfall sind Lackmaterialien auf Reparaturbereichen der Karosserie, die ohne Wärmezugabe über Nacht aushärten sollen. Im Werkstattalltag sind dies häufig Grundier- sowie Füllermaterialien, die meist kurz vor Feierabend appliziert werden, damit sie bis zum nächsten Morgen ohne zusätzliche Wärmezufuhr trocknen können. Sinkt jedoch die Hallentemperatur auf 15°C oder tiefer, wird der Trocknungsprozess verlangsamt oder sogar unterbrochen – ein aufwändiges Nachtrocknen mithilfe IR-Strahlern oder im Trockner am nächsten Morgen ist die Folge. Wenn Betriebe darauf verzichten, härten die Materialien erst später unter klimatisch berenedingter Wärmeeinwirkung aus. Das hat wiederum sichtbare Beifallerscheinungen der Reparaturstellen zur Folge.
Für die kalte Jahreszeit mit niedriger Luftfeuchtigkeit bieten einige Lackhersteller spezielle Winterhärter, Verdünnungen und Additive an, um die Performance der Produkte an die klimatischen Bedingungen anzupassen. Ein Blick ins dazugehörige Technische Datenblatt kann hier hilfreich sein. Dennoch gilt: Wer für stabile Raum-, Verarbeitungs- und Materialtemperaturen sorgt, muss an der Materialeinstellung in der Regel wenig ändern.
Akklimatisierung auch beim Beschriften und Folieren
Auch nach der Lackierung ist ein Temperaturschock grundsätzlich zu vermeiden. Wird das frisch lackierte Fahrzeug kurze Zeit, nachdem es die Lackierkabine bzw. den Trockenofen verlassen hat, in die kalte Winterluft gefahren, unterbricht dies den chemischen Aushärtungsprozess, was in einem Glanzverlust resultieren kann.
Nachlackierte Fahrzeuge dürfen in der Regel erst nach vollständiger Lack-Durchtrocknung foliert und beklebt werden. Für eine optimale Haftung der Fahrzeugfolien sind Oberflächen- und Verarbeitungstemperaturen zwischen 15°C und 20 °C einzuhalten. Dies gilt ebenso für das Entfernen von Beklebungen und Beschriftungen, da zu kalte Untergründe beim Abziehen schnell zu Haftungsverlusten innerhalb der Lackschichten führen können. Die technische Richtlinie der Folienhersteller ist maßgeblich und in jedem Fall zu Grunde zu legen.
Fazit: Wer im Winter lackiert, muss Technik, Material und Prozesse konsequent an die klimatischen Bedingungen anpassen. Eine kontrollierte Kabinentemperatur, sorgfältig temperierte Materialien und Lagerräume sowie die richtige Handhabung von Fahrzeugen und Werkzeugen sind entscheidend, um Qualitätseinbußen und teure Nacharbeiten zu vermeiden. Wer sich an die technischen Empfehlungen hält, erzielt auch in der kalten Jahreszeit erstklassige Lackierergebnisse – effizient und zuverlässig. ☐

Dieser Beitrag wurde von René Förster, Referent Fahrzeuglackierung im BFL verfasst.
